2007
2006
2002
2001
2000
Sediment, Hrsg. Helmut A. Müller, Hospitalhof Stuttgart
Hans Schüle, Hrsg. Galerie Hermann&Wagner, Berlin
Kolonie, Hrsg. Stadt Neckarsulm
hybride.membrane, Hrsg. sphn (Hermann & Wagner), Berlin
hans schüle_hybride, Hrsg. Kunsthalle Wil, Schweiz
Hans Schüle, Hrsg. Kunststiftung Erich Hauser, Rottweil
About the artist
Hans Schüle consequently submits different materials to his will. His
favoured material, metal, is transformed into a highly sculpted material at
the touch of his hand. Often, unexpected biomorphic forms are created and
three-dimensional spaces of fascinating tension are opened. Although
abstract in its formal language, it is Schüle’s precise intention to create
a dialogue between art and science, especially in the life sciences. On
occasion, Schüle’s works become clairvoyant and present subtle forms, with
which the sciences have yet to inform the masses.
Natur und Technik in den Arbeiten von Hans Schüle
Das Befremdliche an Nähe ist die Distanz, die sie zu den Dingen aufbaut.
Nicht anders verhält es sich mit den beiden Werkgruppen „hybride“ und
„membrane“, in denen Hans Schüle den mikroskopischen Blick auf natürliche
Strukturen und Lebensformen in zum Teil monumentale Skulpturen
transformiert, die uns auf eigentlich befremdliche Weise in äußerste
Distanz zu jedweder Form von Natur bringen. Denn die Skulpturen gewähren
keinen Einblick in naturanaloge Strukturen, sondern generieren einen
ausschließlich artifiziellen Kontext, in dem zwar eine formale Reminiszenz
an Zellstrukturen und Membranen anklingt, in dem aber technoide Formen
deutlich dominieren. Zum einen resultiert das aus Schüles bevorzugtem
Werkstoff Metall, zum anderen aus der Nutzung industriell genormter
Produkte, wie z.B. von Rohrabschnitten bei der Gruppe „hybride“. Aber auch
die Art der Verarbeitung, das Addieren von Kreis um Kreis zu einem Netz,
läßt an Gewebe und Zäune zur sichtbaren Trennung denken, ebenso wie an
Molekülmodelle, die wir entwickelt haben, um stattdessen dem Unsichtbaren
eine nachvollziehbare und dennoch abstrakte Sichtbarkeit zu geben.
Bereits seit einigen Jahren arbeitet Hans Schüle in dieser additiven Weise
mit formal reduzierten und schweren Metallelementen, die er zu Netzwerken
verschweißt, übereinander schichtet oder tableauhaft in die Fläche
ausweitet. Trotz der Erinnerung an maschinelle Zusammenhänge, an Überreste
aus der industriellen Produktion und nur schwer bewegliche technische
Formen, entstehen in der Addition Körper und Volumina von äußerster
Leichtigkeit. Sie entwickeln ein scheinbares Eigenleben im Raum und
versuchen, sich diesen gewissermaßen zu erobern. Einzelne Objekte bleiben
am Boden, andere erwecken den Eindruck, als hätten sie sich nach
erfolgreicher Zellteilung selbständig gemacht und klebten an Wänden und
Decken. Die einfache Netzstruktur der Arbeiten und ihre freie organische
Form legen die Multiplizierung nahe, eröffnen dem Bildhauer die
Möglichkeit, sich gewissermaßen malerisch-installativ im Raum zu bewegen
und lokale Fixierungen der Skulptur zu durchbrechen.
Die zweite Gruppe der hier vorgestellten Arbeiten kehrt dieses Prinzip
vollkommen um, in dem gerade die offene Struktur der „hybride“ durch
hermetische und schwere Volumina kontrastiert ist, die in sich
abgeschlossen deutlicher unseren Vorstellungen vom Wesen der Skulptur
entsprechen. Interessanterweise bestehen die „membrane“ im Gegensatz zu den
„hybriden“ aus dem leichteren Material, aus Kupferblechen, die über
gebogene Laschen und Nieten fixiert sind. Unweigerlich erinnert nicht nur
die Materialverarbeitung der Skulpturen, sondern auch deren Form an
Schiffsrümpfe und schweres technisches Gerät. Doch auch hier bleibt die
Analogie zur Technik nur vager Verweis, denn die „membrane“ stellen ebenso
deutlich wie die „hybride“ Bezüge zu natürlichen Formen her, spielen
gleichermaßen mit Anklängen an Amöben und einfache Zellformationen.
In der Verarbeitung der Bleche entwickeln die Körper äußerst sensible
Rundungen, geht Schüle trotz der Nietungen so behutsam ans Werk, als hätte
er es mit organischen Strukturen und natürlichen Häuten zu tun. Skulpturale
Form und die grafisch wirkenden, eng beieinander liegenden Nieten gehen so
gewissermaßen in der Analogie zu biologischen Strukturen auf.
In dieser behutsam distanzierten Verbindung technischer
Metallverarbeitungsweisen und natürlichen Formvokabulars liegt die
Besonderheit von Hans Schüles Arbeiten. Er entwickelt nie einen
erzählerischen Kontext, sondern bleibt immer in gebührlichem Abstand zu den
Ausgangspunkten seiner Skulpturen und Objekte. Natur und Technik werden
zwar gleichermaßen aufmerksam wahrgenommen, aber nie inhaltlich
thematisiert, sondern ausschließlich abstrakt behandelt. Deutlich werden
aber sowohl die Faszination für die Möglichkeiten technischer Verarbeitung,
wie das Wissen um die grundlegende Kohärenz zwischen natürlichen Strukturen
und ihrer technischen Umsetzung, beispielsweise in der Bionik für
Erfordernisse der Architektur und Industrie.
Schüles Arbeiten weisen ihn nicht nur als differenzierten Beobachter
solcher wechselseitiger Bedingungen aus, sondern zeigen seine Meisterschaft
in der aktuellen künstlerischen Umsetzung des Beobachteten.
Ralf F. Hartmann